Neues Buch von Silja Graupe:
Bildung jenseits der Ökonomisierung
Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn Bildung vor allem als Investition verstanden wird? Und wie kommt Bildung wieder als Welt-, Selbst- und Gesellschaftsgestaltung in den Blick?
Man kann Bildung heute kaum noch erwähnen, ohne dass sofort Worte wie „Humankapital“, „Fachkräftesicherung“ oder „Standortvorteil“ mitgedacht werden. In Rankings, Output-Kennziffern und Kompetenzrastern scheint sich zu entscheiden, was eine Gesellschaft ihren Kindern und Jugendlichen noch zutraut – und was nicht.
In dieser Situation legt Silja Graupe, Philosophin, Ökonomin und Gründerin der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung, ihr neues Buch vor, das die Bildungsfrage radikal anders stellt. Mit Bildung jenseits der Ökonomisierung. Impulse für ein transformatives Lernen (Transcript) erscheint eine umfassende Analyse der gegenwärtigen Bildungslandschaft – und zugleich ein Entwurf dafür, wie Bildung anders gedacht und gelebt werden kann.
Das Buch ist zunächst eine Zeitdiagnose. Silja zeigt, wie das Bildungswesen in den vergangenen Jahrzehnten Schritt für Schritt in eine Sprache und Logik hineingeraten ist, in der von Bildung vor allem dann die Rede ist, wenn sie sich rechnen soll. Lernende werden zu „Ressourcen“, Bildungseinrichtungen zu „Dienstleistern“, Zukunftschancen zu „Investitionsrenditen“. Dabei, so die zentrale Beobachtung des Buches, wird nicht nur Bildung verändert. Es wird auch ein bestimmtes Menschenbild eingeübt.
Das stille Menschenbild der ökonomischen Bildung
Besonders deutlich wird dies im Blick auf die ökonomische Bildung selbst. Silja untersucht Lehrbücher und Denkfiguren, mit denen Generationen von Studierenden vertraut gemacht werden. Hinter scheinbar neutralen Kurven und Modellen entdeckt sie ein stilles, aber wirkmächtiges Bild vom Menschen: als rational kalkulierendes Nutzenbündel oder als Objekt geschickter Anreizsteuerung.
Gesellschaft erscheint in diesem Horizont als Aggregat von Interessen, Demokratie als Verfahren zur Stabilisierung der Wettbewerbsordnung. Wer so zu denken lernt, lernt nicht nur, wie Märkte funktionieren sollen, sondern auch, was als sinnvoller Wunsch, als legitime Hoffnung und als „realistische“ Politik gilt – und was nicht.
Die Ökonomisierung der Bildung erscheint aus dieser Perspektive weniger als bildungspolitisches Missgeschick denn als Formatierung des Denkens.
Bildung als Welt-, Selbst- und Gesellschaftsgestaltung
Das Buch erschöpft sich allerdings nicht in Kritik – es entwirft eine Alternative. Anders als viele Beiträge zur Bildungsdebatte spricht dieses Buch nicht von außen über Institutionen, sondern aus dem Innenraum einer eigenen Gründung heraus. Mit der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung (HfGG) hat Silja Graupe gemeinsam mit Studierenden und Kolleg:innen einen Ort aufgebaut, an dem neue Formen des Lernens erprobt werden.
Hier setzt ihr Konzept des transformativen Lernens an: Bildung nicht als dressierte Anpassung an ein vorausgesetztes System, sondern als Einübung in Sinn-, Welt- und Selbstgestaltung. Die „Spirale transformativen Lernens“ beschreibt, wie Menschen lernen können, Verunsicherung auszuhalten, Erfahrungen zu teilen, neue Perspektiven zu gewinnen und daraus konkrete Handlungsspielräume zu eröffnen – für sich selbst und für Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft.
Mehr als Reformpädagogik
Was dieses Buch von vielen Reformvorschlägen unterscheidet, ist die Verbindung von philosophischer Tiefenschärfe und institutioneller Praxis. Es argumentiert nicht nur gegen eine verengte Bildungslogik, sondern zeigt zugleich, wie Bildungsorte anders gestaltet werden können – von der Seminarplanung bis zur Hochschulverfassung.
Bildung wird so wieder zu dem, was sie in der Geschichte immer wieder war: eine kulturelle Erkundung und Vergewisserung dessen, wer wir sein wollen und wie wir zusammenleben möchten.
Für die Hochschule für Gesellschaftsgestaltung ist dieses Nachdenken über Bildung mehr als ein Forschungsgegenstand. Es ist ein Gestaltungsauftrag. Denn gesellschaftliche Transformation braucht Menschen, die nicht nur Wissen erwerben, sondern lernen, ihre Welt verantwortlich mitzugestalten.
Das Buch ist im Open Access verfügbar: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-8135-2/bildung-jenseits-der-oekonomisierung
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